1967 hält Theodor W. Adorno den Vortrag „Aspekte des
neuen Rechtsradikalismus“ in Wien. Warum dieser Text heute von
„frappierender Aktualität“ ist, erklärt der Historiker und
Rechtsextremismus-Forscher Volker Weiß.
Hintergrund von Adornos
Vortrag 1967 sind die Wahlerfolge der jungen Nationaldemokratischen
Partei Deutschlands (NPD) bei einigen Landtagswahlen Mitte der 60er
Jahre. „Wenn man seine Analyse und Beschreibung des Zeitgeschehens
liest, dann stellt man fest, dass die Dinge einem heute sehr bekannt
vorkommen“, meint der Historiker und Rechtsextremismus-Forscher Volker
Weiß, „das liegt unter anderem auch daran, dass sich bestimmte
Rahmenbedingungen, bei allem gesellschaftlichen Wandel, nicht verändert
haben.“
https://www.deutschlandfunkkultur.de/zum-50-todestag-von-theodor-w-adorno-was-tun-gegen.2162.de.html?dram:article_id=455426
Faschismus als Wundmale einer unzulänglichen Demokratie
So
bezeichnet Adorno die faschistischen Bewegungen damals als „Wundmale,
als Narben einer Demokratie, die ihrem eigenen Begriff bis heute noch
nicht voll gerecht wird“.
„Da geht es um die nicht eingelösten
Versprechen des Liberalismus seit dem 19. Jahrhundert“, so Weiß. Denn
der habe in Aussicht gestellt, die Ständegesellschaft aufzubrechen und
eine Gesellschaft einzurichten, in der jeder seines eigenen Glückes
Schmied sein könne. „Und dieses Versprechen kann er gleichzeitig nicht
halten“, führt Weiß aus, „er kann keinen wirtschaftlichen und
politischen Rahmen bieten, in dem das zutrifft. Wir können das ganz
konkret sehen: Die AfD hat begonnen und war auch sehr erfolgreich mit
einer Agitation gegen die Europäische Union. Die wurde angegriffen als
demokratisch nicht legitimiert. Und das Problem ist: In den
bürokratischen Apparaten gibt es Demokratie-Defizite. Da dominiert
letztlich die Verwaltung über die Mitbestimmung.“
Das Gleiche
gelte mit Blick auf die Schere von Arm und Reich, die global, aber auch
in den europäischen Ländern, immer weiter auseinander klaffe. „Hier wird
das Versprechen auf ökonomische Teilhabe immer weniger eingelöst. Das
sind Elemente von Realität, die von der rechten Propaganda aufgenommen
werden.“
Rechtsradikalismus lebt von Propaganda-Spirale
Adorno
weist der Propaganda eine Schlüsselfunktion zu. Charakteristisch für
den Rechtsradikalismus sei „eine außerordentliche Perfektion der
propagandistischen Mittel“. Dass Adorno sie sogar als „Substanz
rechtsradikaler Politik“ begreift, hält Weiß für zutreffend:
„Die
rechten Bewegungen leben von der Überbietung. Jenseits des permanenten
Trommelns fällt diese Art der Politik ganz schnell in sich zusammen. Das
ist eine alte Erfahrung. Das Institut für Sozialforschung hat das schon
in der 40er Jahren nachgewiesen. Leo Löwenthal hat zum Beispiel mit den
„Falschen Propheten“ eine hervorragende Arbeit dazu vorgelegt und
nachgewiesen, wie rechte Propaganda – und damit die ganze rechte Politik
– systematisch davon lebt, ihre Adressaten im Zustand einer permanenten
Neurose zu halten; also permanent schon pathologische Züge des
Verfolgungswahns zu triggern“.
Heute erlebten wir eine besonders gefährliche Mischung. Denn durch
das Internet und die sozialen Medien treffe „technische Perfektion“ auf
inhaltliche Überdrehtheit – „die Inhalte werden immer abstruser“, meint
Weiß. Was also gegen rechtsradikale Politik tun?
Aufklären statt mit Kadern Sprechen
„Adorno
hat da eine sehr klare Meinung“, konstatiert Weiß. „Er sagt, an einer
vernünftigen Auseinandersetzung besteht auf rechtsradikaler Seite kein
Interesse. Es geht ihnen um die Technik der permanenten Überreizung. Das
heißt aber nicht, dass keine Auseinandersetzung stattfinden soll.“
Daran habe sich auch heute mit Blick auf den gegenwärtigen
Rechtspopulismus etwa der AfD nichts verändert:
„Meine Position
ist klipp und klar: Ich adressiere Menschen. Ich sehe aber keinen Sinn
in der Auseinandersetzung mit Kadern. Wer sich mit Kadern beispielsweise
auf ein Podium setzt, der wertet diese Leute tatsächlich auf. Es ist
aber unabdingbar, deren Argumente öffentlich rational zu widerlegen.“
„Appelle an die Menschlichkeit bringen nichts“
Auch Adorno gibt im Vortrag von 1967 eine Empfehlung zum Umgang mit rechtsradikaler Politik:
„Man
soll nicht in erster Linie mit ethischen Appellen an die Humanität
operieren. Denn das Wort ‚Humanität‘ selber und alles, was damit
zusammenhängt, bringt die Menschen, um die es sich handelt, zum
Weißglühen – wirkt wie Angst und Schwäche. Das einzige, was mir etwas zu
versprechen scheint, ist, dass man die potentiellen Anhänger des
Rechtsradikalismus warnt vor dessen eigenen Konsequenzen, dass man ihnen
klar macht, dass diese Politik auch seine eigenen Anhänger unweigerlich
ins Unheil führt.“
Volker Weiß hält Adornos Einschätzung auch mit
Blick auf die Gegenwart für richtig. „Wenn man sich solche barbarischen
Momente ansieht, wie etwa die ‚Absaufen-Rufe‘ bei einer
Pegida-Demonstration – da ging es um Seenot-Rettung –, sieht man Adorno
bestätigt. Auch an der ewigen Rede von den ‚Gutmenschen‘ kann man sehen:
Die Appelle an die Menschlichkeit bringen tatsächlich nichts. Man kann
aber deutlich machen, wohin es führt, wenn die europäische Integration
verschwindet; man kann aufklären, wohin der Nationalismus führt – dass
das keine neue Friedensordnung, weder europäisch noch global, sein wird.
Aufklären über den Preis dieser Weltanschauung ist absolut
unabdingbar“.